Pater
Pöpping berichtet aus seiner Tätigkeit in Südamerika:
Caupichu, Ecuador, im Jahre 2002, von Fasnacht
bis... ??
Liebe Verwandte und Freunde,
jedes Mal, wenn ich in einem der unzähligen Busse
von Caupichu in die Stadt Quito fahre, suche ich in der computadora unseres
Provinzials gleich nach Neuigkeiten aus AltrichPlattenWengerohr, von P.Schneider
oder Frau Schütte, und jedes Mal füge ich dann diesem gespeicherten Brief
etwas hinzu - heute zum Beispiel, dass der Dr. Hidalgo, Facharzt für Herzen mit
Schmerzen ("Ausgebildet in Europa") weiterhin auf einem Schrittmacher
besteht. Wegen der Höhe, sagt er. Ich will aber nicht. "Mein lieber Herr
Pater, dann müssen Sie ernsthaft an eine Rückkehr ins Flachland denken!"
Sachte sachte, zuerst kommt mal die Karwoche...
Die Leute hier können gut auf die Sonntagsmesse verzichten,
doch für Aschenkreuz und Palmwedel ist kein Weg zu weit, kein Wetter zu
schlecht. (Es regnet, und wie!!) Dann der Karfreitag, die Passion dramatisch
"wirklichkeitsgetreu" dargestellt, mit allem was dazugehört,
Geißelung, Kreuzigung, - der arme Jesus bekommt es ganz schön zu spüren.
Viele gehen barfuß, sechs sieben Stunden, in ehrlicher Buße. In diesem Jahr
sollte der Barabbas ganz echt sein; so hatte man sich aus dem benachbarten
Dorfgefängnis einen bekannten Häftling nebst Polizist ausgeliehen. Als Pilatus
ihn freigab, ist er laut jubelnd davon gelaufen - und seitdem verschwunden.
In der Osterwoche musste ich zu einer Beerdigung
hoch oben in die Berge (der dortige Pastor war vor 4 Wochen von seinem Freund
ermordet worden). Wie auf dem Lande üblich, hockten die Frauen auf dem Boden
und jammerten vor sich hin, die Männer würfelten auf dem Sarg um die nächste
Flasche Schnaps. Diese armseligen trostlosen Friedhöfe weitab vom Dorf... Nur
der Blick von hier aus über Quito begeistert mich immer wieder: die etwa 50 km
lange und nur drei bis fünf km breite Stadt, von Caupichu im Süden bis
Shiriyacu im Norden, im schmalen Hochtal des Pichincha, darüber die ewigweißen
Sechstausender Cotopaxi, Antisana, Cayambi, unter dem tiefblauen
Äquatorhimmel...
Ach ja, ein Auto hatte ich mir geliehen
für die Fahrt da hinauf, vom Provinzial. Vom Rückspiegel hängt das Bild
Unserer Lieben Frau von Quinche, der Patronin aller Soldaten und Polizisten, mit
dem offiziellen Rang (und Gehalt!!) einer "Feldmarschallin".
Plötzlich Verkehrskontrolle - und mein hiesiger Führerschein ist abgelaufen!
Der Polizist steckt seinen Kopf ins offene Fenster, sieht das Bild, "0,
meine Chefin!" - zwei Schritt zurück, strammgestanden, militärisch
gegrüßt, "Alles in Ordnung. Weiterfahren!"
Der 3. Mai ist hier weiterhin
der Tag des Hl Kreuzes, ältere Leute folgen noch dem Brauch des "1000
Mal Jesus" - ein Häufchen von 100 Erbsen links, dazu ein Reim, zu deutsch
etwa:
Dass beim Gericht am Jüngsten Tage
mich Satan nicht zur Hölle trage,
ich am Heilig-Kreuzes-Tage
tausend Mal den Namen sage:
Jesus Jesus Jesus...
und für je 10 "Jesus" eine Erbse nach rechts. Genau 1000 müssen
es sein, sonst hilft es nicht.
"Padre, eine Messe für meinen Mann.
Heute vor neun Jahren wurde er bei einem Raubüberfall erschossen, er war
Wachmann bei einer Bank. Aber ans Geld sind sie nicht rangekommen, er hat
nämlich auch geschossen, und aus Dankbarkeit hat die Bank ihm damals die
Beerdigung bezahlt, erster Klasse. Padre, Sie können sich nicht vorstellen wie
großartig die war, mit Fahne und Trauermarsch, in Quito. Die Leute sind auf der
Straße stehn geblieben und haben nur so gestaunt."
- "Ich hoffe, seitdem bekommen Sie und die Kinder eine gute Rente!" -
"Ach, nicht einen Cent, - aber diese Beerdigung damals, die war ganz
unvergesslich, ganz großartig!"
- Trost für die Armen. 0 diese Banken...
Pfingstsonntag, es regnet.
Nach dem Gottesdienst, unter der Kapellentür, meint jemand:
"So muss das sein, heute hat der Heilige Geist ja Hochzeit mit der Patscha
Mama, der Mutter Erde; er befruchtet sie, das gibt in diesem Jahr eine gute
Ernte!"
Maimonat, "der Monat
Mariens,
Monat der Freude", so singt man hier. Früh um fünf finden sich vor den
Kapellen Leute ein zum "Rosenkranz der Morgenröte", in Prozession
wird gebetet und gesungen.
"Padre Hugito, in diesem Jahr wollen wir unserer Lieben Jungfrau mal
etwas Neues schenken, sie hat ja schon so viele Kleider, weit über zwanzig. Wir
wollen ein Fenster zumauern und ihr davor einen schönen Altar errichten.
Dürfen wir das?"
- "Es ist eure Kapelle, da fragt die Gemeinde." -
Alle begeistert, Maurer kommen, am Abend fehlen noch drei Reihen Ziegel,
"das machen wir morgen fertig",
- durch diese Öffnung wird in der Nacht die Jungfrau Maria mitsamt allen
Kleidern gestohlen...
Schlimme Nachrichten aus Kolumbien,
dort ist Krieg, und in die übervolle Kirche von Bellavista
fiel "aus Versehen" eine Bombe, fast 200 Tote (und ich denke an
Platten, Januar'45). Wie oft war ich selber in eben dieser Kirche gewesen, im
tiefen Urwald am Atratofluss, wo wir Steyler seit 1972 unter den Nachfahren der
afrikanischen Sklaven wirken... So wird der weit entfernte Bush-Krieg plötzlich
ganz persönlich.
Und immer wieder die Kranken.
Ein Nachbar, Krebs. Mit Mühe schleppen wir ihn zum Krankenhaus. In der Tür
steht ein Arzt und ich höre wie er gerade ein Bäuerlein vom Lande fragt:
"Wieviel Schafe hast du denn? Wenn du mir nicht zwei Schafe bringst, kommt
deine Frau hier nicht rein!" Ich habe ja Geld (von euch) und zahle die
Untersuchung. Mein Nachbar wird abgewiesen. "Zwecklos. Noch höchstens drei
Wochen." Das war vor sechs Monaten. Seitdem liegt er hier nebenan, von
seinen Söhnen verlassen, in einem kalten kahlen Zimmerchen. Mütterliche
Nachbarinnen kümmern sich um ihn. Ich auch.
Zu einem anderen wurde ich kürzlich um Mitternacht gerufen,
es geht offenbar zu Ende. Die älteste Tochter (19) ist verzweifelt, auf ihr
ruht die Verantwortung für die gesamte Familie, die Mutter ist nicht
zurechnungsfähig, der 16-jährige ist Epileptiker mit täglichen Anfällen
(weil ohne Behandlung), dem 15-jährigen hat ein Lastwagen ein Bein abgefahren,
das jüngste (7) ist geistig behindert, dazwischen tummeln sich weitere fünf...
In dem einzigen Wohn-Schlaf-Koch-Ess-Raum ist kein Platz für die Aufbahrung,
also im ausgeräumten Stall - aber mit allem Prunk eines
teuren Bestattungsinstitutes! "Und er kommt auch nicht in die Erde, Padre,
wir kaufen eine Nische, ganz gleich wie wir uns dabei verschulden!" Davon
abraten?? Sie wären zutiefst beleidigt! Lieber helfen...
Anscheinend hat auch das Steyler Generalat in Rom
von meiner Schrittmacher-geschichte erfahren. Sie bitten mich,
Übersetzungsarbeiten zu übernehmen, - von Deutschland aus. Das muss ich nun in
aller Ruhe mal mit dem Herrgott bereden...
"Padre Hugito, wenn Sie dann in Urlaub fliegen
nach Alemania, nehmen Sie das hier doch mit für die Frau die Ihnen das Geld
geschickt hat mit dem Sie mir geholfen haben!" Mit Tränen der Dankbarkeit,
überglücklich, - und ich muss die kleine Figur annehmen. Aber ich werde sie
nicht mitholen nach Deutschland, meine Reisetasche reicht dafür nicht. Ich
müsste ja so vielen von euch - Frauen, Männern, auch Kindern eine solche
Dankesgabe mitbringen... Aber ein ehrliches "Dios les pague!" - "Vergelt's
Gott!" gilt einem jedem und einer jeden von euch! Wenn ihr die Freude und
die Dankbarkeit sehen könntet! und hören!
Und dennoch - ist es nur meine Altersmüdigkeit,
dass ich manchmal mit Geld am liebsten gar nichts mehr zu tun haben möchte??
Mutter Teresa von Kalkutta sagte damals: "Schickt mir kein Geld mehr, auch
bei euch ist Not." Natürlich ist die Not hier vielfach größer, und ich
möchte immer sicher sein dass eure Spenden sie wirklich im konkreten Fall
lindern (den großen Institutionen traue ich nicht!). Ich möchte aber auch
nicht nur als dar reiche Pater aus Alemania angesehn werden der dann doch nicht
allen und jedem helfen kann, und so entsteht Neid und Missgunst unter Nachbarn,
und wenn ich einmal nicht mehr hier bin, sind meine Nachfolger aus Indien und
Indonesien ohne die deutschen Spenden dann die bösen Pastöre die nicht helfen
wollen...
Schwierig. Ich versuche nach bestem Wissen
und Gewissen zu handeln, hier in Caupichu, und auch weiterhin in Cuenca durch
den Padre Roman, und in Guayaquil durch den Padre Fernando. Sie unterhalten dort
Suppenküchen für Kinder und alte Leute, eine Schule für Behinderte, Beihilfen
zum Eigenheimbau, ärztliche Hilfe und Krankenbetreuung, - oder die Arbeit der
Frau Alcira mit den Landfrauen in Quingeo... Bei ihnen weiß ich dass jeder
Dollar die Bedürftigen erreicht! Einigen von euch haben sie ja auch schon
selber gedankt. (Hoff ich wenigstens!!!)
Also, - manche Bitten
um Geldhilfe sind schon seltsam: Zwei ältere Damen, mir gut bekannt, "Padre
Hugito, wir brauchen Geld für eine ärztliche Untersuchung."
- "Sind Sie krank?" -
"Nein, aber der Leiter unseres apostolischen Gebetskreises will uns
rauswerfen, er verleumdet uns überall, wir hätten was mit Männern, dabei lebt
er selber mit einer anderen Frau. Nun lassen wir uns vom Arzt unsere unberührte
Jungfräulichkeit bescheinigen, und dann soll er mal sehn!"
Das Fußballfieber hat Ecuador erfasst,
zum ersten Mal nehmen sie überhaupt
an einer Weltmeisterschaft teil. Die hiesige Uhrzeit der Spiele ist 6:30 fruh,
also Schul- und Arbeitsbeginn, selbst aller Busverkehr, um 2 Stunden verschoben,
erst nach 9 Uhr. Ähnliches etwa in Deutschland?? Wird alles wieder normal wenn
sie dann ausgeschieden sind...
In jedem Jahr kommen Steyler Neumissionare her,
meist aus Asien, und wir haben doch so viele Pfarreien gar nicht!
Pastorenüberfluss, - selbst in Caupichu sind nun zwei bei mir, beide jung, grad
über 30, voller Eifer. Wir Alten müssen lernen, uns rechtzeitig zurückzuziehn,
- wenn auch mit Wehmut.
So konnte ich für zwei Wochen
Vertretung übernehmen in Cuenca, besuchte dort natürlich auch
"mein" Bettler-Altenheim. Ganz aufgeregt ruft der alte Mann in den
Speisesaal: "Der Padre ist wiedergekommen, der Padrecito der immer mit uns
zu Mittag gegessen hat!" Interessant, - meinen Namen hatte er vergessen,
aber dass ich mich stets zu ihnen an den Tisch gesetzt und dieselbe Suppe
gelöffelt hatte, davon waren sie offensichtlich beeindruckt...
Mit starken Schauern hat die Regenzeit
sich verabschiedet, täglich strahlende Sonne, und der Wind mit seinen
Staubwolken ist wieder da. Nur auf dem weiten freien Feld mitten in Caupichu,
das angeblich für einen Friedhof bestimmt ist, steht noch Wasser auf dem
sumpfigen Boden. Da meint doch das uralte Mütterchen auf dem Sterbebett bei der
Krankensalbung: "Aber da will ich nicht beerdigt werden, da müsst ich ja
noch erst schwimmen lernen."
Aus der Heimat, Westfalen, kommen Todesnachrichten,
aus Familie und Verwandtschaft, ganz plötzlich, auch nach langer
Krankheit... Und es ist meine Generation die jetzt "an die Reihe
kommt". Sie hätten mich gern in der Nähe...
Wie die Zeit vergeht!
Zum dritten Mal schon hier die Feier der Erstkommunion und der Firmung.
Ebenfalls zum dritten Mal der Streit unter den Katechisten: Lassen wir auch jene
Kinder zu deren Eltern nicht zu den Treffen gekommen sind?? Jesus sagt: Lasst
die Kleinen zu mir kommen! - Doch nach der erhebenden und lustigen Feier, was
bleibt??
In diesen Tagen lud
ein Nachbarpfarrer uns, seine Kollegen, ein, zur Nachfeier der Taufe seines
Enkels. Er strahlte und war so stolz! Sein erster Enkel! und sieht schon seinem
Opa so ähnlich!! Da macht es nichts aus dass er in der Sekte der Nazarener
getauft wurde, wo der Papa, also der Sohn des Pfarrers, Pastor ist. Dessen
Mutter, die Oma des Täuflings, war "nach der Sache damals" mit ihrem
Söhnchen zu den Zeugen Jehovas gegangen die den Heranwachsenden dann doch nicht
überzeugen konnten... "Meine Nase hat der Kleine, ganz meine Stupsnase!
Ein echter Vega! Auf sein Wohl! Der soll später mal richtiger katholischer
Pastor werden!" Na denn, Prost! - Auch das ist Lateinamerika.
Nun war ich etliche Wochen
im tropischen Tiefland an der Küste. Ein Mitbruder war vom Pferd gefallen,
hatte sich den Fuß gebrochen und brauchte Vertretung für seine Pfarrei. Es ist
eine andre Welt. In der feuchten Hitze, zu Fuß, weite Wege durch die endlosen
Pflanzungen, Bananen, Ölpalmen, und wieder Bananen, zu den Menschen, immer zu
den Menschen. Und die sind ja im Grunde überall dieselben, jeder mit seinem und
jede mit ihrem oft unglaublich harten Schicksal, hier wie überall auf dieser
Welt. Sie erzählen mir davon. Ich höre zu - was kann ich schon mehr tun? Den
Männern die Hand drücken, ohne Worte, - die Frauen dürfen sehn wie auch mir
das Wasser in die Augen steigt...
Von hier aus ein Besuch
in der Hafenstadt Guyaquil, in den Steyler Pfarreien im Guasmo, den
Elendsvierteln. "Romantisch" die Bambus-Pfahlbauten über der
herrenlosen Meeresbucbt, abenteuerlich das Leben sogar für den allbekannten
Padre Fernando. Jugendliche Drogenbanden liefern sich selbst am hellen Tage
Schussgefechte. Der Anführer der einen Bande ruft dem der anderen zu:
"Stopp! Schießpause - der Padrecito will über die Straße!" Sobald
er drüben ist, geht es wieder los... Oder es wird ihm das Messer an die Kehle
gesetzt, im Rausch: "Padre, du bist mein bester Freund, du musst mir Geld
geben. Sonst stech ich zu!" Und sie sind dazu fähig. Wieder nüchtern,
erinnern sie sich an nichts. Doch auch von dieser Stadt sagt der Herr: Ich habe
dort viele Jünger...
Im August läuft meine Aufenthaltsgenehmigung
für Ecuador aus, in Frankfurt müsste ich eine neue beantragen. Nun hat der
Steyler Provinzial in Norddeutschland sich mit Rom zusammen getan und mich
gebeten, gleich bei ihm zu bleiben in seinem Haus in Bottrop. Alles Für
und Wider habe ich lange durchdacht und durchgebetet, jetzt habe ich ihm
zugesagt. War es die richtige Entscheidung?? Der Abschied von Lateinamerika wird
mir schwer, ich fühle es. Doch hat wohl alles seine Zeit... Vielleicht
mal eine kleine Urlaubsreise?? So Gott will...
Die Seite geht zu Ende, so wie meine Zeit hier.
Es hat sich herumgesprochen. Gestern kamen jene Eierjungen von 6 Uhr früh
und brachten ein ganzes Dutzend bester Freilandeier, ein Geschenk der Mama
"für die Abschiedstorte". Die jungen Mitbrüder bitten inständig,
sie doch nicht zu vergessen "wenn du in dein Reich kommst, Hugo!"
Heute abend will der Diakon unbedingt mit allen Kommunionkindern vor der Kapelle
noch ein Ständchen singen, - da muss ich jetzt noch schnell einen großen Sack
voll Süßigkeiten einkaufen...
Ein seltsamer Wirrwarr von Gefühlen in mir...
Wie auch immer: auf das Wiedersehen mit euch freu ich mich!
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