| Pfingsten -
Das Volk Gottes wird
universal, ein Volk aus allen Völkern
Der 50. Tag nach dem Paschafest - das
"Wochenfest", das wir Pfingsten (50. Tag) nennen - galt als
das Fest der Offenbarung, das Gedächtnis des Sinai und erinnerte so an
das Ereignis des Bundes, durch den Israel erst eigentlich zum Volk, zum
Volk Gottes konstituiert wurde. So folgt dem Paschafest Jesu Christi -
dem neuen Exodus der Auferstehung - das Pfingstereignis gleichsam als
der christliche Sinai: Der Bund, der gewiß im Abendmahl und im Kreuz
grundgelegt war, wird nun zum öffentlichen Ereignis, in dem das Volk
Gottes konstituiert wird, wie damals am Sinai unter den Zeichen von
Sturm und Feuer, die freilich nur als Zeichen der Erinnerung am Rand
wirken; das Eigentliche ist die neue Gabe des Wortes, das in allen
Sprachen, das heißt in allen Kulturen vernehmbar und verstehbar ist. So
zeichnet sich das Ereignis des Neuen Bundes ab: Das Volk Gottes wird
universal, ein Volk aus allen Völkern. Das universale Volk - die Kirche
- wird durch die Kraft des Heiligen Geistes gebildet als Träger des
Neuen Bundes.
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Joseph Kardinal Ratzinger:
40 Jahre Liturgiekonstitution
- Vortrag in Trier am 4.12.2003
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Pfingsten und
der Turmbau zu Babel -
Einheit statt Uniformismus
Es ist unverkennbar, daß der
Pfingstbericht ein Gegenbild zu der Geschichte vom babylonischen Turmbau
hinstellt (Gen 11,1-9). Dort endet die
Urgeschichte der Menschheit damit, daß deren Einheit zerbricht, genauer
gesagt: Gott selbst zerschlägt eine falsche Einheit der Menschheit. So
endet die in ... der Genesis erzählte erste Phase
der Universalgeschichte der Menschheit... mit
einer "schrillen Dissonanz". Die Bibel setzt danach neu an -
sie erzählt nicht mehr von der Menschheit im ganzen, sondern beginnt
mit der Erwählungsgeschichte Abrahams eine zunächst partikulär und
nicht mehr universal erscheinende Geschichte der Erwählung und des
Heils. Die Dissonanz von Gen 11 bleibt so zunächst eine offene Frage,
auch wenn in der von Abraham ausgehenden Erwählungsgeschichte immer
wieder der Horizont der Universalität durchbricht - aber eben als
Horizont, als Erwartung, nicht als Antwort.
Der Leser der biblischen Geschichte muß im Grund auf die
Pfingsterzählung der Apostelgeschichte warten; hier erst wird die
offene Frage von Babylon aufgenommen, hier erst kehrt die Bibel zur
Universalgeschichte zurück.
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